Dienstag, 28. April 2009

Schweinegrippe nun auch in Ecuador

Es gibt viele Neuigkeiten. Neben dieser. Weil ich jedoch so beschäftigt bin, komm ich nicht dazu sie zu erzählen. Aber jetzt.
  • Ich habe auf unüblichen Weg und sehr spontan ein Praktikum in der Aussenhandelskammer von Ecuador ergattert. Bin vorbeigelaufen und hab mich vorgestellt und tatsächlich es war ein Schreibtisch frei. Da mein Uniprogramm minimal ist, habe ich tagsüber Däumchen gedreht. Und da ich nicht jeden Tag als irre Touristin durch die Stadt düsen will, sitze ich hier also nun und organisiere, telefoniere, träume und freue mich über einen tollen Ausblick über die Stadt. Hier ist allerhand los, demnächst gibts ein Golfturnier, und Ecuador bekommt Besuch vom badenwürttembergischen Jugendjazzorchester. Die reisen hier rum und ich muss mich mit drum kümmern, dass sie sich nicht verlaufen und schön am richtigen Platz auftauchen. Ausserdem findet ein einwöchiger Kongress zum Thema Solarenergie statt, wo deutsche Unternehmen Kontakte knüpfen zu möglichen Interessenten in Ecuador. Ansonsten weiss ich nach einem Business-Etikette-Seminar nun endlich wie man stilecht Hummer speist und unauffällig in der Nase popelt.
  • In der Uni bekamen wir letztens Besuch von einer hübschen, schlanken Blondine, die im bauchfreien Top lächelte und Flyer für ein neues Abnehmprogramm verteilte. Begleitet wurde sie von zwei netten Damen, die den Unterricht unterbrachen, um über ihr neues Massagestudio zu informieren. Studenten dieser Uni erhalten besondere Konditionen. Das sieht man den Unterschied, während bei uns die Deutsche Bank Mintpastillen vor Klausuren verteilt und seriös auftretene Anzugträger über neueste Tendenzen in deutschen Unternehmen informieren, gilt hier ganz einfach: "Sex sells".
  • Ich bin auf dem Äquator balanziert. Wie ich es versprochen habe. Und tatsächlich, es stimmt: Man wiegt dort 1 kg weniger, hat weniger Kraft und verliert leichter die Balance. Und auch der sagenumwobenene Toilettenspülstrudel wurde zur Schau gestellt, der dreht sich auf der Südhalbkugel nämlich im Uhrzeigersinn, also genau andersherum als im Norden. Genau auf der Äquatorlinie fliesst das Wasser schnurstracks nach unten ab, ohne Strudel. Mmh... Nachdem ich höchst entzückt über dieses physikalische Experiment war, kam die schmerzliche Meldung: Es ist bloss ein Trick. Wie er funktioniert, könnt ihr mir vielleicht sagen.
  • Ausserdem habe ich die brutale Technik des Schrumpfkopfes bewundern dürfen und habe wie die Aucas im Dschungel Ecuadors mit einem Schilfrohr Pfeile gespuckt. Interessant: Nach traditionellem Glauben der Einheimischen dieser Gegend wird jedes Leben wiedergeboren. Daher bauen sie ihren Toten keine Särge, sondern begraben sie in Tonkrügen, da sie darin eine Fötusstellung einnehmen. Man ist also direkt vorbereitet für das Zukünftige. Brutale Nebenwirkung eines toten Mannes: Seine Frau und Kinder müssen gleich mit ins nächste Leben. Dazu braut man einen Trank, der die Unschuldigen willenlos macht. Aber keine Angst, diese Praxis gibts heut nich mehr...
  • Mein Computer war krank. Er ist mir vom Bett geplumpst, der böse Junge. Deswegen musste er zum Onkel Doktor. Und zwar zum echten. Luis, mein Gastpapa, hat einen Arzt zum Freund, dessen Hobby es ist an Computern rumzuschrauben. Das macht er aber nicht etwa bei sich zu Hause, sondern hat sein Krankenhauslabor zum Technikraum erklärt. Also wartete ich brav mit meinem Baby auf dem Schoss in neonbeleuchteten Fluren, während neben mir Patienten in Birkenstock und Morgenmantel sassen. Selbst die Krankenschwester hat liebenswürdig Hilfestellung geleistet und Instrumente à la Schraubenzieher und Lötkolben angereicht. Das nenn ich Fürsorge.
  • Meine Oma wäre stolz auf mich: Ich habe mich zur neuen Kuchenbäckerin der Familie gemausert, alle sind begeistert von Donauwelle, Philadelphiatorte und Schokoladenkuchen. Manchmal stimmt die Optik nicht ganz, aber auf den Geschmack kommt es ja an.

Da ich gerade meine Arbeitszeit nutze, um diese Zeilen zu tippen... mach ich mich jetzt lieber wieder schnell an die Arbeit.

Sonntag, 5. April 2009

Mein neues Leben als Prinzessin in Florida

Einige gute Dinge:
  • Mein neues Leben als Prinzessin: Ich habe eine super Gastfamilie erwischt. Wer sich wundert, warum ich eigentlich nicht in ner WG oder so wohne, der muss wissen, dass die meisten Studenten noch zu Hause wohnen und es nur wenige gibt, die ne eigene Wohnung haben. Das Leben im Familienclan hat aber eindeutige Vorteile - denn hier schlafe ich in einem großen Bett, über dem ein Fernseher hängt, es werden täglich 3 Mahlzeiten angerichtet und mein persönliches Bad wird geputzt und gestaubsaugt. Es sind 10 min zur Fuß zur Uni. Und bei guter Sicht kann man von der Dachterrasse den Cotopaxi bestaunen. So ein Luxus gabs lange nicht in meinem Leben - Hotel Mama halt, bloß dass ich keinerlei töchterlichen Pflichten erfüllen muss.
  • Ecuador will, wie auch der Rest der Welt, nächstes Jahr nach Südafrika - Deshalb wird auch hier eifrig gefiebert. Am Mittwoch war ich im Stadion, voll eingekleidet natürlich. Wir hätten die bösen Paraguayaner fast geschlagen, wenn nicht in der letzten Minute der Ausgleich gefallen wäre. Einige Schlachtrufe: "Sí, se puede!" oder "Vamos ecuatorianos, esta tarde tenemos que ganar!" Es ging so heiß her, dass sich nicht nur auf der Tribüne, sondern sogar auf dem Feld gekloppt wurde... herrliche Darbietung. Vor dem Spiel wurde ich vom Fernsehen interviewt... bin halt groß, blond und wichtig!
  • Einer meiner Mitstudenten spielt beim Fußball-Erstlegisten "Nacional" - ein Club hier aus Quito. Der hat mir erstmal Gratiskarten versprochen. Das scheint aber nix besonderes zu sein - meine Gastschwester hat die Handynummer von nem Nationalspieler und sendet erstmal ne Trost-SMS nach dem Spiel am Mittwoch. Da merkt man wie klein das Land ist.
  • Die Uni gleicht einem süßen Wohnhaus mit Schlagläden, es gibt sogar nen Vorgarten mit Gartenstühlen und Sonnenschirmen. Schade bloß, dass ich fast nur abends Uni hab, da ist die Sonne schon untergangen. Ansonsten bleibt man im kleinen Kreis, bis jetzt max. 11 Mitstudenten in einem Kurs. Und gestern ist direkt mal ausgefallen.
  • Ecuador - das Land der Vulkane - bestizt heiße Quellen - ich hab mit ein paar neuen Freunden herrlich geplanscht und relaxt. Neben uns rauschte ein Gebirgsbach vorbei. Danach gabs frische Forelle. Wie bei Tiger und Bär.
  • Zum Nachtisch haben wir Eis gespeist, konnte nicht widerstehen und hab Karotte probiert! Yamyam.
  • Hab mich auf ein Teeniekonzert gewagt - lustige Beobachtung: Hier wird gegen den Uhrzeigersinn gepogt. Sprich alle rennen im Kreis, und rempeln sich dabei an. Außerdem gabs viel Gekreische und gute Rythmen. Und der Sänger sah verdächtig metrosexuell aus.
  • Das Busfahren bleibt etwas Besonderes, auch in der Stadt: Es gibt immer 1 Fahrer und 1 Fahrkartenverkäufer - wie einst im guten alten Deutschland. Ab und zu muss der Verkäufer schnell rausflitzen und ne Art Karteikarte abstempeln. Dazu sind überall verteilt Stempelanlagen in Mauern oder kleinen Geschäften angebracht. Manchmal ganz versteckt. So wird überprüft, dass der Bus pünktlich ist. Das sollte es mal für die deutsche Bahn geben.
  • Der Flughafen liegt mitten in der Stadt und ganz in meiner Nähe, ab und zu erschrecke ich mich, wenn ein Flugzeug verdächtig tief am Fenster vorbeifliegt, oder man aus nem Tunnel auftaucht und sich von nem Jumbo überschattet sieht. Aber auch das hat seine Vorteile - sollte einer auf die Idee kommen, mich spontan zu besuchen - so kann ich ihn zu Fuß vom Flughafen abholen.
  • Wer sich bei mir beliebt machen will, der darf mir Päckchen, Karten und Briefe schreiben. Oder Blumen schicken, geht auch. Und zwar an:
Annika Röllinghoff
c/o Familia Luis Lascano
Calle Aucas N52 - 129 y Av. La Florida
Ciudadela La Florida
Quito
Ecuador