Dienstag, 31. März 2009

Quito - oder auch, wo ist das nächste Polizeirevier?

Zack. Es ist passiert. Nach fast genau 3 Monaten Südamerika hat mein Hab und Gut für kurze Zeit gegen meinen Willen den Besitzer gewechselt. (sprich: Eigentümer bin immer noch ich!)

Der Tathergang:
In den letzten Wochen hab ich an allen Ecken versucht eine Gastfamilie für mich in Quito aufzutreiben. Es ist mir schließlich geglückt, aber da die gerade mal 3 Tage von meiner Existenz wussten, und ich keine Chance mehr hatte meine Mails zu checken, wusste ich nicht genau, ob ich da heute schon auftauchen kann oder erst morgen. Außerdem hatte ich noch keine Adresse. Also erstmal in nen Hostel, Gepäck verstauen.

Mmh. 2 Uhr mittags. Mit einer Handtasche mit nen bisschen Geld, Kamera und Reiseführer mach ich mich auf den Weg in die Altstadt in ein Internetcafé. Ich hatte gerade angefangen Emails zu schreiben, als ein Typ reinkommt und mich anlabert, wo denn die Toilette sei. Total komisch. Woher soll ich das wissen?
Ich dreh meinen Kopf wieder zum Computer, da wird mir auf einmal klar, das war nen Ablenkungsmanöver. Schau auf den Boden, und meine Ledertasche ist nicht mehr da. So schnell hat mein Hirn noch nie geschaltet. Ich sofort raus, schau mich um, und entdecke die Diebin, reiß ihr meine Tasche aus der Hand, schreie sie an, eine Menschentraube bildet sich. Wie im Film. Plötzlich fällt mir ein, mein Handy liegt noch am Computer. Ich wieder zurück, finde es, stopfe hektisch mein Zeug in meine Tasche, 2 Polizisten erscheinen, es werden immer mehr Menschen. Die Diebin, 40 Jahre, steht mit trotzigem Gesicht neben den Polizisten, die mich fragen, ob ich alles habe. Ja. Was ich machen will... Die Leute schreien alle: Anzeigen! Du musst die anzeigen! Ich wusste nicht so recht, schliesslich hatte ich alles, aber dann dacht ich mir, das geht so nicht, die kann nicht einfach davonkommen. Also, ab ins Auto und zum Polizeirevier.

Da klingelte dann mein Handy und Luis, der Famlienpapa war dran, wo ich wäre, er könnte mich abholen. Unser erstes Gespräch. Haha. Bin gerade dabei einen Raub anzuzeigen. Toller Einstieg. Warum ich nicht vorher angerufen hätte... Quito wär gefährlich...

Ihr glaubt nicht, was das für ein Häckmäck war. Rein ins nächste Auto, dicht gedrängt neben meiner Übeltäterin. Aussteigen, ins nächste Gebäude, immer wieder das gleiche erzählen. Gelangweilte Polizisten, die sich mit dir unterhalten. Keiner schien kompetent zu sein. Auf einem Schmierzettel wird mein Name notiert.
Bitte hierhin setzen. Warten. Nichts geschieht. Bitte mitkommen. Über die Straße ins nächste Gebäude. Weiter warten. Von einem Raum in den nächsten. Ohne irgendwas zu tun. Ich dachte, ich darf jetzt bald mal nen Protokoll aufgeben und dann nix wie weg. Also, Leute, wer sich nochmal über deutsche Bürokratie oder sinnloses Warten in überfüllten Bürgerbüros aufregt? Es geht auch schlimmer. Hier sitzen nämlich Verbrecher und Opfer nebeneinander.
Zwischendurch Luis am Telefon, der sich Sorgen macht, nicht will, dass ich das Gebäude alleine verlasse. Er würde mich in einer Std. abholen. Ok.
Wieder raus ins andere Gebäude. Warten. Wieder zurück. Der Computer ist immer noch nicht frei. (Warum gibts in ner Millionenstadt wie hier bloß einen Computer?) Der Lahmarsch von Polizist treibt schließlich nen Computer auf, braucht 1 Std. um nen Brief zu formulieren, wo Zeit, Ort und Personen auftauchen. (Noch nicht der Tathergang)... mittlerweile sind über 2 Std. vergangen. Ich müsste meine Aussage vor einem Kommissar machen. Wieder über die Straße. Wieder warten. Insgesamt weitere 2 Std. bis sämtliche übrigen übel aussehenden Gestalten ihre Delikte vorgebracht hatten. Es gibt nämlich auch nur einen Kommissar, der, wie sich später rausstellte, übelst langsam tippen kann, und dabei noch Rechtschreibfehler macht. Arg... Mein Geduldsfaden reißt langsam. Es geht auf 6 Uhr zu. Ich werde unfreundlicher, flaume den Polizisten an, dass ich schon lange genug warte. Oft im Stehen, weil sich einfach zu viele Menschen in den Räumen aufhalten. Oft ohne Grund. Irgendwelche uniformierte Personen, die nix zu tun haben.

Schließlich nach 6 Uhr, bin ich an der Reihe, muss sagen, was passiert ist und sehe ungläubig zu, was es bedeutet "Comisario" zu sein. Hinter einem Schreibtisch sitzen und stümperhaft Protokolle verfassen. Grundlage desselbigen Worddokuments bildet die Anzeige einer Ladendiebin, die Kosmetika im Supermarkt entwendet hatte. Daher woll die gelangweilte Routinefresse.
Schließlich darf ich gehen. Die Diebin, Peruanerin, wird vermutlich, so sagte man mir (ob das stimmt?) 7 Tage im Gefängnis verbringen müssen.
Hätte ich von dieser Prozedur vorher gewusst, hätte ich sie vielleicht doch laufen lassen. Schließlich straft man sich ja doch nur selber, wenn man Gerechtigkeit verlangt.

Eine gute Sache: Das Surfen im Internet war wenigstens kostenlos. Das ging so schnell, da blieb keine Zeit zum Bezahlen.

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Annika die Unerschrockene - ich kann mir genau vorstellen, wie Du Dir nicht so einfach die Handtasche klauen lässt. Stark. Grüße aus Remscheid auch von Sofie!
Tobi